Shadowing: Anthropologische Methoden für die UX-Forschung neu entdeckt

Zur Vorbereitung auf ein neues Research-Projekt habe ich meine alten Anthropologie-Unterlagen wieder hervorgeholt – besonders zum Thema Shadowing.

Shadowing ist eine Beobachtungsmethode, bei der Forschende eine Person durch ihren Alltag begleiten, um Verhaltensweisen, Interaktionen und feine Dynamiken festzuhalten, die sonst leicht übersehen werden. Der Begriff geht auf Wolcott (1973) zurück und beschreibt eine Art, Handlungen und Umgebungen zu verstehen, ohne aktiv ins Geschehen einzugreifen.

Hier ist eine kurze Anleitung, wie man ein Research-Projekt mit Shadowing aufsetzt:

  • Klare Ziele definieren: Formuliere präzise Research-Fragen, die du mit Shadowing beantworten willst.

  • Teilnehmende sorgfältig auswählen: Suche Personen oder Umfelder, die eng mit deinen Forschungszielen verknüpft sind.

  • Beobachtungsstrategie planen: Lege Beobachtungseinheiten und -kategorien im Voraus fest und bestimme Zeitpunkt und Frequenz der Beobachtungen.

  • Sauber dokumentieren: Führe detaillierte Notizen und trenne klar zwischen Beobachtung und Interpretation.

  • Früh und kontinuierlich analysieren: Beginne früh mit der Codierung deiner Daten, um Muster zu erkennen und deinen Ansatz bei Bedarf zu schärfen.

Sei klar, sei selbstbewusst und verkopfe dich nicht. Das Schöne an deiner Geschichte ist, dass sie sich weiterentwickeln wird – und deine Website mit ihr. Wichtig ist, dass es sich im Jetzt stimmig anfühlt. Alles Weitere ergibt sich. Das tut es immer.

Wichtige Aspekte, auf die du achten solltest:

  • Bias Awareness: Sei dir deiner eigenen Werte, sozialen Dynamiken und Machtverhältnisse bewusst, die deine Beobachtungen beeinflussen könnten.

  • Ethische Überlegungen: Vermeide verdeckte Beobachtungen, es sei denn, sie sind ethisch begründbar. Respektiere stets Privatsphäre und Autonomie der Teilnehmenden.

  • Selbstreflexion: Hinterfrage regelmäßig deine eigene Position und deinen Einfluss im Forschungsumfeld.

  • Geduld und Beziehungsaufbau: Shadowing ist ein langsamer Prozess. Geduld und Vertrauen sind entscheidend, um tiefere Einblicke zu gewinnen.

Wichtige Dokumente, die du vorbereiten solltest:

  • Research Protocol: Definiert Research-Fragen, Auswahlkriterien und Beobachtungspläne.

  • Field Guides: Detaillierte Leitfäden zu Beobachtungskategorien, Zeitpunkten und Abläufen.

  • Field Notes und Logs: Umfassende Aufzeichnungen zu Beobachtungen, Kontext und Interaktionen.

  • Ethische Richtlinien: Einverständniserklärungen und Dokumentation zum Datenschutz.

Für dieses Projekt freue ich mich darauf, diese Prinzipien erneut in die Praxis zu bringen. Für uns Forschende ist das Wiederentdecken von Grundlagen mehr als ein Auffrischen – es ist eine Chance, unsere Vorgehensweise zu verfeinern und zeitlose Methoden an neue Kontexte anzupassen.

Diese Methode und mehr bieten wir an im Kontext von UX Research für Startups.

Warum Shadowing in UX besonders wertvoll ist

Wer Shadowing in UX einsetzt, gewinnt Einblicke, die keine Umfrage und kein Interview liefern kann. Die anthropologischen Methoden, die diesem Ansatz zugrunde liegen, sind seit Jahrzehnten bewährt – und werden in der UX-Forschung neu entdeckt, weil sie genau das sichtbar machen, was Nutzer:innen selbst nicht verbalisieren können: ihre tatsächlichen Verhaltensweisen im Alltag.

Der Unterschied zu anderen Forschungsmethoden liegt im Wissen, das durch direkte Beobachtung entsteht. Während Interviews und Surveys retrospektive Berichte liefern, gibt Shadowing Forscher:innen den direkten Zugang zum gelebten Erleben. Dieses Wissen ist oft überraschend anders als das, was Teilnehmende berichten würden – und genau darin liegt der Wert anthropologischer Methoden für die UX-Forschung.

Die Insights aus einem Shadowing-Projekt sind besonders aussagekräftig, weil sie kontextuell verankert sind. Man sieht nicht nur was jemand tut, sondern auch wann, wo und unter welchen Umständen – inklusive all der kleinen Workarounds, improvisierten Lösungen und unbewussten Gewohnheiten, die den Alltag prägen. Für Teams, die digitale Produkte gestalten, sind diese Insights Gold wert: Sie zeigen auf, wo Reibung entsteht, wo Missverständnisse auftauchen und wo echte Chancen für bessere Nutzererlebnisse liegen.

Shadowing in UX erfordert eine besondere Haltung: Offenheit, Zurückhaltung und die Bereitschaft, das Beobachtete zunächst ohne Bewertung zu dokumentieren. Wer diese anthropologische Denkweise mitbringt, wird feststellen, dass die eigenen Annahmen über Nutzer:innen oft nicht der Realität entsprechen. Genau das macht Shadowing so kraftvoll – es zwingt uns, wirklich hinzuschauen statt zu vermuten.

Für die UX-Forschung bedeutet das konkret: Shadowing liefert das tiefste und authentischste Wissen über echte Nutzungskontexte. Die gewonnenen Insights fließen direkt in Personas, Journey Maps und Designentscheidungen ein – und sorgen dafür, dass Produkte nicht für eine hypothetische Zielgruppe, sondern für echte Menschen mit echten Bedürfnissen gestaltet werden. Anthropologische Methoden wie Shadowing sind kein Luxus für große Forschungsteams – sie sind ein unverzichtbares Werkzeug für alle, die nutzerzentriert denken und handeln.

Wer das Wissen aus Shadowing-Sessions systematisch auswertet, stellt schnell fest: Nutzer:innen haben kreative Strategien entwickelt, um mit den Schwächen bestehender Produkte umzugehen. Diese versteckten Insights sind der Schlüssel zu echten Innovationen. Statt Features zu bauen, die niemand braucht, entstehen so Lösungen, die den Alltag der Menschen wirklich erleichtern. Das ist der Kern nutzerzentrierter UX-Forschung – und Shadowing in UX ist eine der direktesten Wege dorthin.

Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, empfehle ich dir, bei deinem nächsten Projekt bewusst eine Shadowing-Phase einzuplanen – auch wenn es nur ein paar Stunden sind. Die Qualität der Insights, die du dabei gewinnst, wird dich überraschen. Und du wirst verstehen, warum anthropologische Methoden in der UX-Forschung gerade neu entdeckt werden: weil sie funktionieren.

Karin Ziegner
UX Researcherin, Scrum-Queen und Fan von Produktivitätstools.

Meine Mission: die Lücke zwischen Nutzer:innen und Innovation mit insights-basierten Lösungen zu schließen.

https://www.linkedin.com/in/karin-ziegner/
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